Hier schneit’s! (11-)

Erstbegehung der schwierigsten Route im Odenwald

Text – Alexander Förschler

Bilder – Rouven Faust; Helge Kramberger

“In Heubach gibt’s noch ein cooles Projekt, leicht überhängend, sehr glatt und schwer. Eine super Linie” meinte mein Freund Rouven vor einem Jahr, um mich für einen ersten Klettertag im odenwälder Buntsandsteinbruch in Heubach herumzukriegen.

Meine Vorstellung dessen, was das Projekt sein sollte, sah in etwa so  aus: Wenige Meter strukturloses Gestein, “leicht überhängend”, also warscheinlich eher senkrecht und zwei Meter links und rechts daneben Bolts der benachbarten Fünfer- und Siebenertouren. Ein paar Fingerkuppen voll grauenhaft scharfer Steller und somit eine Route die “dermaßen schwierig”, oder im Klartext “hässlich” ist, dass sie weder jemand klettern kann, noch will und daher für immer Projekt bleiben wird.

Was ich dann tatsächlich zu Gesicht bekam übertraf meine, zugegeben sehr tief gestapelten, Erwartungen um Welten.

Odenwald 2012 – Erstbegehung von “Hier schneit’s!” (8c) in Heubach – Bild – Rouven Faust

Zentral, durch einen 15 Meter breiten und 35 Meter hohen Pfeiler, führt hier genau EINE, sehr großzügig eingebohrte Linie durch 10-20° steiles Gelände. Wegen  zwei, den natürlichen Strukturen folgenden, zwingenden Quergängen wird das Ganze zum 45 Meter Monster mit Sequenzen und Zügen, die vielfältiger nicht sein können. (dazu aber später mehr)

Vom Anblick überwältigt stand ich nun erwartungsvoll eingebunden am Einstieg um die Züge zu testen und um herauszufinden, ob das Ganze machbar sein könnte. Zunächst konnte ich mir alles vorstellen, leicht überhängende Kletterei im Bereich 10/10+ an schönen, großen Stellern. Dafür aber weite Züge und kaum vorhandene Reibungstritte, die das Ganze recht athletisch gestalten. Das entspicht zumindest eher meinem Geschmack erstkalssiger Kletterei, als es der umgekehrte Fall wäre: kurze Züge an kleinen schmerzhaften Bündlern mittels Trittbänken :).

Beginn der ersten schwierigen Meter im Bereich 10/10+ – Bild – Helge Kramberger

Die erste Pasage geht nach einem ganz ordentlichen Ruhepunkt, an welchem man mit beiden Händen einigermaßen Platz hat und somit schütteln kann, in einen genialen Boulder über, an dem es nur wenig flache Struktur und zwei große Schalen gibt. Bedauerlicher Weise stellte sich das als zu schwierig heraus. Ein 1.70 Meter weiter Sprung von einer Schale zur nächsten, den es zu überwinden gilt, konnte ich selbst am dritten Bouldertag noch nicht lösen.

Also musste das ganze nocheinmal einen weiteren Winter warten, mehr Strom her, mehr Dynamik, mehr Erfahrung. Einfach, wie beim Gamen, den ganzen Charakter vor dem Endgegner nochmal ordentlich leveln: Plus 1000 Kraft, von mir aus minus 300 Beweglichkeit, ungefähr das sollte im nächsten Jahr genügen, um da hochlatschen zu können:).

Ende der ersten Passage vor dem Ruhepunkt und der Crux – Bild – Rouven Faust

Ein Jahr später, Frühjahr 2012, schnupperte ich dann mal wieder in dem Projekt herum um herauszufinden, wie gut der Gamercharakter nun gelevelt hat. Der Sprung wurde leider nicht kürzer, die Griffe nicht besser und es hat sich alles überhaupt nicht besser als im Jahr zuvor angefühlt. Die grandiose Idee war dann, noch etwas an der Variante zu feilen. Und mittels sehr flacher Seitsloperstruktur die linke Hand in der Schale auf Untergriff zu drehen, voll auf „Press” die Füße umzustellen und weit mit Rechts, vollkommen ausgefahren, die Zielschale anzuschnappen. Das funktionierte erstaunlicher Weise recht gut. Die zunächst nicht machbare Boulderstelle wurde zum realistischen fb 7c Boulder und alle folgenden Sequenzen bis 9+/10 sollten, dank  der guten Ruhepunkte, auch machbar sein.

Die pressige fb 7c Crux an schlechten Untergriffen – Bild – Helge Kramberger

So wurde Heubach wegen des guten Wetters, 15°C und Sonne, die folgenden Tage dauerbelagert, alles bis auf’s Gipfelplateau komplett geputzt und natürlich Versuche gesetzt.

Vier Tage später traf ich mich mit dem Local Helge Kramberger, welcher mich bei den Versuchen sicherte. Mal über die untere 10/10+ Stelle drüber und am Ruhepunkt angekommen sollte es diesmal richtig knapp werden. Links bereits auf Untergriff gedreht, die Füße sortiert, zum letzten, sehr kräftigen Schnapper angesetzt und gerade so über die rettende Kante mit den Kuppen geschräddert. Mist! Das hätte es gewesen sein können…

Der weite Schnapper zur rettenden Schale – Blid – Helge Kramberger

Die nächsten Versuche endeten dann alle weiter unten und so sollte es an diesem Tag nichts mehr werden.

Leider waren die nächsten Tage kein bisschen besser. Immer wieder brach die Körperspannung im unteren Teil zusammen. Die Griffe ließen sich nicht mehr richtig sortieren oder einer der Tritte wollte nicht kleben bleiben.

Alles begann immer nervenaufreibender zu werden. Solange es läuft und man Fortschritte macht, ist es relativ egal, ob man einen Versuch nach dem anderen in den Sand setzt. Aber den bisherigen High Point nach drei Tagen und sehr vielen Versuchen nicht mehr zu erreichen, kann gewaltig an der Motivation nagen.

Vor allem Fehlversuche wegen rutschender Füße sind so gar nicht mein Wetter. Vielleicht sollte ich doch nochmal auf einen anderen Schlappen umsteigen. Links eine schmale Spitze, hart und vorgespannt, um das tiefe Lettenloch stehen zu können. Für rechts bedarf es an einer Stelle einen weicheren Schuh mit mehr Reibung, denn lediglich ein kleines Tickmark für den Tritt macht die Wandunebenheit sichtlich nutzbar. Dummer Weise hat sich an meinem rechten, alten Schuh, welcher für den Reibungstritt bisher hervorragend funktioniert hat, ein kleines Loch gebildet. Und an diesem pellte sich nun, auf Reibung stehend, der abstehende Gummigrat nach oben, so dass die Sohle nicht mehr die erwünschte Reibungsfläche bietet. Stattdessen rollt man auf einer walzenartigen Gummiwurst.

Darauf hätte ich nun wirklich schon vor dem letzten Fehlversuch kommen können :(.  Also nochmal ein letzter Versuch des Tages mit einem neuen Schuh für rechts, der zwar noch uneingeklettert war aber weich genug für den diffizilen Reibungstritt sein müsste.

Nach der 8er Einstiegssequenz lief dann alles wie am Schnürchen:

Der Ruhepunkt vor der fb 7c Crux – Bild – Helge Kramberger

Die 10/10+ Stelle wie zuletzt vor drei Tagen solide gespult, am Ruhepunkt angekommen, die Hand gedreht, brachial die rettende Schale angeschnappt und souverän abgehalten. Die weite, relativ einfache Traverse zum Ruhepunkt ließ mir, wie erwartet etwas Zeit und Luft, allerdings begann nun der Kopf wieder zu arbeiten und die Nervosität zu steigen.

Nach gefühlten 15 minütigem Ruhen setzte ich dann zum finalen fb 7a+ Boulder an, nach dem dann nur noch drei Stellen im 8ten Grad folgen, welche allerdings sehr technisch und kompliziert sind. Man muss einen wackeligen Mantle mittels Knieklemmer durchführen und schließlich noch einen letzten Sprung in die Ausstiegsplatte halten.

Dort angekommen wurden die Ausstiegsmeter im 6ten Grad zum Gipfelplateau, von welchen man einen atemberaubenden Ausblick über die Baumwipfel in’s Tal hat, erleichtert und genussvoll abgespult.

Der letzte, weite Schnapper der fb 7c Crux – Bild – Rouven Faust

Und mein bisher schönstes und schwierigstes Projekt war geschafft!

Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an Steffen Remus, der die Route eingebohrt und frei gegeben hat, den Arbeitskreis Heubach und an die Fotografen Helge Kramberger und Rouven Faust für die tollen Bilder.

HIER geht’s noch zum Interview auf Kletterdorf.de

Danke auch noch an Klette für’s Interview und den Lesern für die Glückwünsche!

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